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Wochenende Septuagesimae 1. Februar 2010

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Am Samstag fahren wir nach H., einen Verwandten von N. besuchen, der in einer Betreuuungseinrichtung stationär gepflegt wird. Wir verbringen den halben Tag dort, und auf dem Rückweg sehe ich zufällig einen Wegweiser auf dem Gelände: “Haus 4, Wachkoma”. Wir haben es gut, denke ich, wir sollten dankbar sein für jeden Tag.
Abends Anruf meiner Eltern, meinem Schwager gehe es schlecht, Wasser in der Lunge, ungeklärte Geschichte, Pathologen bis hin zur Charité seien ratlos. Sie fahren jetzt zu meiner Schwester und helfen ihr mit den drei Kindern.
Wir haben es gut, denke ich nochmal.

Sonntag: Evangelische Messe im Hamburger Michel. Die zelebrieren da die große Form. Psalm, drei Lesungen, Lied nach dem Glaubensbekenntnis, Abendmahl (mit Traubensaft, naja). Die Fürbitte trifft mich wie der Blitz aus heiterem Himmel: “… denken wir an die Ehepaare, die es nicht geschafft haben”. Ja, denke ich, scheiße. Nicht geschafft.
Nachmittags Anruf von der Ex auf dem Handy. Schon kein  gutes Zeichen. Wann ich heute wieder zu Hause wäre. Gar  nicht, sage ich, ich fahre morgen von hier aus zur Arbeit. Das wäre aber schlecht, die Kleine habe Ohrenschmerzen und müsse zum Arzt, sie könne sie aber nicht selbst bringen, weil sie gerade nicht Auto fahren könne. Warum nicht? Der Nachbar  (der sie schon genervt hat, als ich noch mit im Haus wohnte) habe seine Aggressionen gegen sie nicht unter Kontrolle gehabt und sie angegriffen, irgendwie geschubst, sie sei ausgerutscht und habe sich am Fuß verletzt.
Ich bin sehr erschrocken und lege erstmal auf.
Dann denke ich nach.
Für die Straßen ist Eisglätte angesagt, ich wäre frühestens in zwei Stunden bei ihr. Ob sie nicht einen Arzt zum Hausbesuch hinbestellen könnte, frage ich ein paar Minuten später. Daran hätte sie noch gar nicht gedacht. Nein, kommt die Antwort dann, das gibt es nicht mehr. Nur noch bei Lebensgefahr. Ohrenschmerzen zählen nicht. Aber sie würde schon eine Lösung finden, in anderthalb Stunden käme ihre Freundin. In der Zwischenzeit Paracetamol, das geht schon.
Dann ist ja gut.
Wie typisch, dass ich von dieser Körperverletzungsgeschichte nur notgedrungen erfahre. Sie will mich nicht mehr in ihrem Leben.

Natürlich ist dieser Nachbar ein Arschloch, und ich wünsche niemandem, auch nicht meiner Ex, Opfer unkontrollierter Aggressionen zu sein. Aber gerade darum frage ich mich (natürlich nicht sie), ob sie wohl jetzt meine Empörung nachvollziehen kann, als sie mir sagte, wenn sie mal uns beiden, N. und mir, begegnen würde, dann würde sie N. wahrscheinlich erstmal eine reinhauen.
Ich weiß nicht, ob “Da kannst du mal sehen” in diesem Zusammenhang ein angemessener Gedanke ist; ich hatte ihn jedenfalls.

Abends sitze ich noch ein wenig mit N. auf dem Sofa, erzähle ihr meine Gedanken, höre mir ihre Geschichte an, sie hat Ärger mit dem Ex, die Themen sind Geld und verschobene Wahrnehmungen, es ist überall das Gleiche.
Wir haben es trotzdem gut, sagt sie. Trotz des Nervkrams und des Ärgers und der Sorgen. Wir haben es gut. Wachkoma, das wäre richtig scheiße.

Noch nie 26. Januar 2010

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Sie hat noch nie einen Porno gesehen. Sie redet auch nicht über Sex. Fast alles, was wir miteinander tun, hat sie noch nie zuvor mit einem anderen Mann getan. Ihr Begriff von Sex war offensichtlich die “eheliche Pflicht”. Also: Mit Glück hat man als Frau selbst ein bißchen Spaß daran, ansonsten muß eben der Mann mal seinen Trieb befriedigen, und sie hält still. Ich weiß das, weil sie mir, als ich nicht verstehen wollte, dass sie jetzt gerade nicht mit mir schlafen kann, mal gesagt hat: Ist es dir lieber, wenn ich einfach stillhalte?

Ich habe schon viele Pornos gesehen. Ich rede auch gern über Sex. Meine Erfahrung war allerdings auch überschaubar. Aber jetzt, mit ihr, habe ich entdeckt, was es bedeuten kann. Hingabe. Selbstaufgabe. Kontrollverlust. Verletzlichkeit, natürlich. Aber dafür auch: Intimität. Halt. Das Gefühl, etwas zu haben, was nur, wirklich nur uns beiden gehört.

Wir schlafen gern miteinander. Nicht, weil es irgendwie dazugehört, weil es in einer Beziehung sozusagen Pflichtprogramm ist, sondern, weil wir es wollen. Weil wir beide Lust darauf haben. Man braucht dazu keine Bilder im Kopf. Man braucht nur den anderen, und sonst nichts.

Sauna 14. Januar 2010

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Man kann aus verschiedenen Gründen in die Sauna gehen. Wegen der Gesundheit, wegen des Hefeweizens danach, oder um mal ein bißchen nacktes Fleisch zu sehen. Ich kenne jemanden, der hat in einer Sauna eine interessante Frau kennengelernt und sich anschließend mit ihr verabredet. Ich frage mich, ob es ein Vorteil ist, Menschen, mit denen man eventuell erwägt ins Bett zu gehen, in der Sauna kennenzulernen, schließlich gibt es dann im entscheidenden Moment keine Überraschungen mehr. Jedenfalls was das Äußere betrifft. Wie dem auch sei: Ich war also heute seit Ewigkeiten auch mal wieder in der Sauna. Ich bin immer gerne dahin gegangen, weil ich das Gefühl dieser wohligen Erschöpfung liebe, wenn ich dann wieder raus bin. Für mich ist es ein Ort, an dem ich abschalten und mich regenerieren kann.
Es ware relativ viele Frauen da. Junge, alte, dicke, dünne. Blonde, Brünette, rasierte und naturbelassene. Quer durch alle Typen. Ich schaue sie mir gerne an.
Früher, als ich noch mit meiner Frau zusammen war, dachte ich, wenn ich alle diese Frauen in der Sauna sah, sehr oft: Wie wäre es wohl, wenn du diese hättest, oder jene? Ich habe die Frauen, die ich in der Sauna gesehen habe, letztlich als Wichsvorlage vor mein geistiges Auge gestellt. Sehr voyeristisch, sehr widerlich.
Heute dachte ich (und ich war von diesem Gedanken selbst überrascht): Wie schön wäre es, wenn N. auch hier wäre. Wir würden beide nackt in der Sauna sitzen, und nachher würden wir nackt im Bett liegen, und es wäre schön, schöner als jemals zuvor, wie immer. — Es hat mich überrascht, dass ich beim Anblick fremder nackter Frauen an N. gedacht habe und daran, dass ich sie jetzt vermisse. Und dass ich mir jetzt nicht auf vollbusige, knackige Studentinnen einen runterholen will, sondern mit N. schlafen möchte, die eine nur angedeutete Oberweite hat, die ich aber liebe. Und neben der mir die anderen schlicht und einfach egal sind.

Alle diese Frauen haben nicht das, was N. hat. Was das auch immer sein mag.

Unfähig 10. Januar 2010

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Ich hab’s immer noch nicht gelernt, nicht enttäuscht zu sein, wenn sie mal nicht mit mir schlafen will. Wenn sie sagt: Ich kann nicht. (Sie sagt nie: Ich will nicht.) Und ich habe immer noch nicht gelernt, es rechtzeitig zu merken, dass sie nicht kann. Es zu merken, bevor sie es sagt. (Eigentlich ist das falsch. Ich merke es vorher. Ich will es nur nicht sehen.) Und ich hasse mich dafür, dass ich es immer wieder schaffe, uns mit dieser Blindheit den Abend zu versauen.

Selbstverständlich 5. Januar 2010

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Irgendwann war meine Frau für mich selbstverständlich. Jemand, der einfach da war. Jemand, um den man nicht mehr kämpfen, ja nicht einal mehr werben mußte. Jemand, der einfach so da war. Jemand, der sich um alle möglichen organisatorischen Fragen kümmerte, Umzüge, Familienfeste und das Leben organisierte. Jemand, der mir sagte, wann ich wohin meine Bewerbungen schicken sollte, wohin wir ziehen, wann die Steuererklärung gemacht und die Kinder eingeschult wurden. Jemand, der mir alles abnahm, so dass meine letzte verbliebene Aufgabe das Geldverdienen und das Zeugen weiterer Kinder war.

Das war mein Leben.

N. ist für mich nicht einen Tag lang selbstverständlich gewesen und wird es niemals sein.
Wahrscheinlich ist das der große Unterschied.

Das neue Jahr 4. Januar 2010

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Silvester war super. N. war da, meine Töchter waren da, wir hatten Spaß, die Große hat sich offensichtlich spontan in N. verliebt und nach ihrer Abreise (“Du sollst noch nicht wegfahren!”) ein paar Bilder für sie gemalt, ich kann es verstehen. Am Neujahrsmorgen, nachem die Kinder in meinem Schlafzimmer zur Ruhe gekommen waren und ich mit N. auf der Luftmatratze in meinem Wohnzimmer lag, kam ich gegen halb drei auf die fatale Idee, Sex haben zu wollen. Jeder einsichtige Mensch versteht, dass das mit zwei Kindern hinter einer unmittelbar angrenzenden unverschlossenen Tür eine denkbar schlechte Idee ist. Ich war besoffen und geil, und im Nachinein ist das eine der blödesten Situation, in die ich mich je manövriert habe. N. hatte die Größe, es mir nicht nachzutragen.
Übers Wochenende war ich mit allen Kindern bei meinen Eltern. Ich habe viel von N. und mir erzählt, meine Mutter fragte dann mal nach einem Foto von ihr, “Ah, sie ist ja sehr schlank”, meine Eltern waren ein wenig zurückhaltend, müssen sich wohl auch erst gewöhnen. Dass sie von mir drei Enkel bekommen und ich dann mit einer anderen Frau ankomme, war offensichtlich nicht in ihrem Plan für mein Leben vorgesehen.
Sonntag Abend dann noch Streit mit der Ex. Sie fragte mich mehr nebenbei: “Du weißt schon, dass nächsten Samstag Abend die beiden Großen bei mir auf der Feier sind?” Wußte ich natürlich nicht, kann sein, dass sie es mir gesagt hat, kann auch sein, dass sie das sagen wollte, aber nicht gemacht hat. Meine Erinnerung an den Fall war nur, dass wir extra für sie den Wochenend-Kinder-Rhythmus geändert haben, weil sie kommenden Samstag Geburtstag feiert und ich in der Zeit die Kinder nehmen sollte. Hab’ ich ihr auch so gesagt, und ich habe auch sofort klar gemacht, dass ich das jetzt nicht mehr verhandeln werde. Nun war war die Große erstmal traurig, dass sie nicht zur Feier kann (mit ihr hatte A. offensichtlich öfter über das Thema gesprochen als mit mir), aber ich habe es meiner Tochter nochmal erklärt, und dann ging es auch wieder. Nur A. ist jetzt noch angepisster als sonst. War mir aber egal.

Gut, so geht das neue Jahr ungefähr so los, wie das alte aufgehört hat. Heute habe ich mit N. einen Tag Urlaub. Den haben wir uns verdient.

Jahresrückblick 28. Dezember 2009

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Zugenommen oder abgenommen?
Sowohl als auch. Erst ab, dann zu. Keine Ahnung, wie die Bilanz aussieht, ich hab’ keine Waage mehr.

Haare länger oder kürzer?
Länger.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Noch weitsichtiger. An meiner medizinischen Kurzsichtigkeit hat sich nichts geändert.

Der hirnrissigste Plan?
Eine Affäre geheimzuhalten.

Die gefährlichste Unternehmung?
Sex ohne Kondom.

Der beste Sex?
Jedesmal mit ihr. Wäre das Wort “Offenbarung” nicht schon belegt, ich würde es extra für dieses Jahr erfinden.

Die teuerste Anschaffung?
Mein eigener Hausstand für meine eigene Wohnung.

Das leckerste Essen?
Fast alles, was ich mir selbst gekocht habe.

Das beeindruckendste Buch?
Bin nicht viel zum Lesen gekommen.

Der ergreifendste Film?
War nicht so oft im Kino. Außer Konkurrenz: Meine kleine Tochter beim Weihnachtssternebasteln.

Die beste CD?
Ich habe 2009 nur eine CD gekauft: Peter Fox, Stadtaffe. Die war super.

Das schönste Konzert?
Weiß ich nicht, ich war nicht da.

Die meiste Zeit verbrachte ich mit?
Arbeiten und Schlafen. Autofahren.

Die schönste Zeit verbrachte ich mit?
Ihr.

Vorherrschendes Gefühl 2009?
Das Leben ist bunt.

2009 zum ersten Mal getan?
Eine eigene Wohnung für mich ganz alleine bezogen. Life Changing Sex gehabt.

2009 nach langer Zeit wieder getan?
Eine Frau geliebt.

3 Dinge, auf die du gut hättest verzichten mögen?
Briefe vom Finanzamt, Briefe von der Stadtverwaltung, Streit mit der Ex.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich brauchte niemanden zu überzeugen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Zeit.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Zeit.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
“Ich liebe dich.”

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
“Ich liebe dich.”

2009 war mit einem Wort … ?
Außergewöhnlich.

Und sonst?
Falls noch was offen geblieben sein sollte: http://www.formspring.me/axaneco

Verstehen 20. Dezember 2009

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Es gibt so viel hohles, leeres Getue. Und es gibt das, was zählt. Liebe, Leidenschaft, die Lust in ihren Augen. Wenn sie mich berührt, wie mich noch nie jemand berührt hat. Wenn sie Dinge mit mir tut, die noch nie jemand mit mir getan hat. Und wenn ich den Verstand verliere, wie ich noch nie zuvor jemals den Verstand verloren habe.

Man kann die gesammelte Liebeslyrik der vergangenen 700 Jahre für mehr oder weniger obsolet halten, weil es sowas tatsächlich ja gar nicht gibt. Oder man kann sie, in einer Zehntelsekunde, in einem Moment der Erkenntnis, verstehen.
Heute, wie so oft nach einem Wochenende mit ihr, habe ich sie verstanden.

Ein Jahr 17. Dezember 2009

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Vor einem Jahr haben wir — per Mail — quasi festgestellt, dass wir ineinander verliebt sind. Sie könnte laut loslachen vor ungläubiger Freude. Seitdem hatte ich: die schönste Zeit meines Lebens mit ihr, ein paar richtig böse Streits mit ihr, den besten Sex ever. Mit ihr.

Ich möchte mit nichts und niemandem tauschen.

Status 8. Dezember 2009

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Es geht mir gut. Ich bin glücklich. Ich habe subjektive Geldsorgen (gerade eine fünfstellige Summe ans Finanzamt überwiesen, da kommt das nächste und will auch nochmal fast soviel), meine Exfrau hält sich kommunikativ sehr bedeckt, seit ich nicht gut fand, dass sie unseren Sohn vorgeschickt hat, um 10 Euro Auslagen fürs Wochenende einzutreiben, aber ansonsten könnte es mir nicht besser gehen. Wir hatten ein schönes Wochenende – Weihnachtsmarkt, Kirche, Essen, Sex -; wir schreiben uns die schönsten Mails, wir gehen auf der Arbeit zum Knutschen in ein leerstehendes Büro, ich besuche sie mal zwischendurch zu Hause, und jedesmal, wenn sie mich anfasst, gibt es diese elektrischen Entladungen auf meiner Haut und in meinem Magen.

Bald ist Weihnachten. Ich habe alle Geschenke schon bekommen.